Konzertkritik Ein deutsches Requiem

Konzertkritik aus der Süddeutschen Zeitung vom 28. Juli 1998:

Das Brahms-Requiem - leicht, luftig und geschmeidig

Fürstenfeldbruck - ,,Tief innen im Menschen spricht und treibt oft etwas, uns fast unbewußt, und das mag wohl bisweilen als Gedicht oder Musik ertönen." Bei Brahms Requiem ertönt beides gleichzeitig. Er hat nicht den liturgischen lateinischen Text gewählt, sondern deutsche Passagen des Alten und Neuen Testaments. Sehr sorgfältig hat er die Textstellen ausgesucht, um den erwähnten innigen Zusammenhang von Wort und Musik herzustellen: Immer folgt die Melodielinie den Betonungen des Textes, hat ihren Höhepunkt auf Wörtern wie ,,Jauchzen" und ,,sehnet" . Für den Chor stellt das eine gewisse Erleichterung dar, weil sich die Phrasierung quasi von selbst erschließt. So konnten sich Bach-Chor und Orchester Fürstenfeldbruck in der Klosterkirche ganz auf den Klang konzentrieren.

Gut gemischt

Schon der sehr leise Anfang des Chores machte dessen Qualitäten deutlich: ein gut gemischter Gesamtklang mit einem samtigen Pianissimo und leichtem Stimmansatz. Nicht ganz so sicher gestaltete sich der erste Einstieg der Celli, die etwas mit der Intonation zu kämpfen hatten.

Gerd Guglhör nahm das Requiem sehr leicht und luftig. Die fast unhörbaren, pochenden Anfangstöne der Pauke und Kontrabässe in den beiden ersten Chören ließ er abgesetzt und trocken spielen, wodurch sie das Pulsieren eines Herzens bekamen und die Eindringlichkeit des Textes ,,Selig sind, die da Leid tragen" voll zum Ausdruck brachten. Entsprechend dem düsteren Thema des Beginns blieb das Ensemble zurückhaltend in der Lautstärke - erst zur Mitte des Requiems hin, wenn der Chor als Person spricht, erreichte er ein Fortissimo. Dadurch schaffte Gerd Guglhör einen großen Spannungsbogen über das gesamte Werk, das die formale Geschlossenheit musikalisch unterstrich.

Der Chor steht absolut im Mittelpunkt dieses Requiems; das Orchester hat nur kurze instrumentale Vor- oder Zwischenspiele und ist meist parallel zu den Singstimmen geführt. In der verschwommenen Akustik der Klosterkirche waren die Streicher nur selten deutlich herauszuhören. Sie fielen hauptsächlich durch das komplette Verschmelzen mit den Bläsern und dem Chor auf und demonstrierten dadurch Exaktheit und Intonationssicherheit, Tugenden, die durch die langjährige Beschäftigung mit diesem Requiem entstanden sind.

Traumhaft schöne Stimme

Auch die Solisten haben einen relativ kleinen Part: der Bariton singt zwei der insgesamt sieben Sätze, die Sopranistin nur einen. Das war schade, denn Susanne Winter besitzt eine traumhaft schöne Stimme. Selbst im Pianissimo füllte sie noch die ganze Kirche aus, ihr Timbre blieb leicht und ansprechend in allen Lagen, der Dialog mit dem Chor gelang als harmonisches Wechselspiel. Christian Hilz verfügte über ein dichtes Legato und einen warmen Bariton in der Tiefe, klang jedoch in der Höhe etwas gedeckt.

Bis in die Höhe

In diesem Werk hat der Chor durch seine tragende Rolle alle Möglichkeit zu glänzen. Der Chorklang war sehr homogen und geschmeidig; besonders die bis in die Höhe frischen Frauenstimmen zeugten von guter Stimmbildung. Es gab nur einen kleinen Moment, in dem die Stimmen nach einem Tempowechsel auseinanderzulaufen drohten, sonst folgten die Sänger ihrem Dirigenten Gerd Guglhör aufmerksam und sowohl im musikalischen als auch in der Aussprache sehr präzise. So hat es sich das Ensemble wirklich verdient, daß die Klosterkirche trotz des guten Wetters und Altstadtfestes voll besetzt war.


Tanja Heil