Konzertkritik Jephta

Konzertkritik aus der Süddeutschen Zeitung (Lokalteil Fürstenfeldbruck) vom 22.11.1999

Dramatik, voller Chorklang und Spitzen-Solisten

Begeisternder ,,Jephta" unter Gerg Guglhör / Bach-Orchester an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit

F ü r s t e n f e l d b r u c k - Als der weltweit bekannte Dirigent John Eliot Gardener, der viele Jahre lang das Göttinger Händel-Festival geleitet hat, gefragt wurde, welches Händel-Oratorium er für das beste halte, nannte er nicht, wie erwartet, ,,The Messiah" sondern ,,Jephta". Auch der Händel-Forscher Young sagte, ,,Jephta" sei ,,die Summe " von Händels Oratorien-Schaffen. Es war also eine Großtat von Bach-Chor und Bach- Orchester Fürstenfeldbruck unter der Leitung von Gerd Guglhör, Händels letztes großes Werk im Jahr von Händels 240. Todestag nach Fürstenfeldbruck zu bringen.


Die biblische Geschichte ist grausam. Israel ist vom Feind bedroht, durch innere Zwistigkeiten zerrüttet und zum Teil in heidnische Gebräuche und Vorstellungen zurückgefallen. Jephta etwa, der Feldherr der Israeliten, gelobt im Falle des Sieges:,,Was zu meiner Haustür heraus mir entgegen geht ..., das soll des Herrn sein und ich will's zum Brandopfer opfern." Es war seine eigene Tochter, ,,und er tat ihr, wie er gelobt hatte". Jahwe erwies sich damit deutlich grausamer als seine heidnischen Kollegen Artemis und Poseidon. Artemis entführte bekanntlich die zum Opfer bestimmte Iphigenie in einer Wolke, Poseidon bestimmte den von Vater Idomeneus in Seenot als Opfer versprochenen Sohn sogar zum König von Kreta. Händels Textdichter Thomas Morell, der Jephtas Tochter in Anlehnung an Iphigenie ,,Iphis" nennt, lässt einen Engel (Angelus ex machina) auftreten, der das Todesurteil in ewige Jungfäulichkeit abmildert.

Retter in der Not

Gerd Guglhörs Aufführung war von der Dramatik der Handlung und der Musik bestimmt. Das Oratorium beginnt mit dem Auftreten von Jephtas Halbbruder Zebul, der dem Volk klar macht, dass Schluss sein muss mit dem Rückfall in den Götzendienst und dass nur Jephta der Retter in der Not sein kann. Das Volk stimmt zu. Guglhör ließ bereits beim Rezitativ des Zebul und dessen erster Arie die ungeheure Spannung der Situation spüren. Beim Händel-Oratorium wird ja oft auch in den Arien die Handlung vorangetrieben, während sie bei Bach Ruhepunkte der Betrachtung sind. Guglhör setzte also die Musik mit federnder Energie in Gang und blieb in dieser Haltung bis zum Schluss. Die von Händel als retardierendes Element eingebauten Dankesarien waren gestrichen.

Für die Aufführung in der Brucker Pfarrkirche St. Magdalena konnte Gerd Guglhör großartige, phantastische Sänger präsentieren. Bernd Spingler überzeugte vom ersten Einsatz an mit seiner schönen, kräftigen Baritonstimme und Hubert Nettinger erwies sich als der Idealfall eines markanten männlichen Tenors. Der von Textdichter Morell erfundene Hamor (Iphis Verlobter) wurde von dem Altus-Sänger Bernhard Landauer mit sehr heller Stimme gesungen. Er konnte sich sängerisch neben dem herrlichen Sopran von Siri Thornhill (Iphis) behaupten, was gewiss nicht einfach war.

Aber auch die Altistin Anna Haase in der Rolle von Jephtas Frau Sorge (ebenfalls eine Morell-Erfindung) glänzte stimmlich und in der Gestaltung ihrer Rolle, die von der Sorge um Jephta bei dessen Auszug in die Entscheidungsschlacht in die Empörung über Jephtas Gelöbnis umschlägt. Zuletzt Heidi Meier als "Angelus ex machina". Dieser Engel erschien im weißen Kleid (aber ohne Fügel) auf der Kanzel und verkündete von dort oben mit himmlisch schöner Sopranstimme die Lösung des Konflikts, über die Iphis und Hamor durchaus nicht glücklich sind, das Volk dagegen sehr erleichtert reagiert.

Gerd Guglhör ließ zur Steigerung der Dramatik die handelnden Personen auf- und abtreten und miteinander sprechen bzw. disputieren und betonte damit die Nähe dieses Oratoriums zur Oper. Selbst der Chor wurde von den Protagonisten direkt angesprochen.

Heftige Impulse

Der Bach-Chor Fürstenfeldbruck fühlte sich in der ihm von Gerd Guglhör zugewiesenen Rolle als englisch sprechendes Volk Israel offenbar sehr wohl und setzte die heftigen Impulse des Dirigenten unmittelbar in vollen Chorklang und dramatischen Ausdruck um.
Darum bemühte sich auch das Bach-Orchester Fürstenfeldbruck, das bei dieser Brucker ,,Jephta"-Aufführung bis an die alleräußerste Grenze seiner Leistungsfähigkeit gefordert wurde.


Adolf Karl Gottwald