Konzertkritik Weihnachtsoratorium

Konzertkritik aus der Süddeutschen Zeitung vom 2. Dezember 1998

Teil 1-3: Kleine Wunder an Klang und Gestaltung
Weihnachtsoratorium mit dem Bach-Chor unter Guglhör

Fürstenfeldbruck -Natürlich ist diese Musik zum ersten Advent ein Muß: Johann Sebastian Bachs ,,Weihnachtsoratorium", der sechs Kantaten erster Teil. Wenn dann noch Gerd Guglhör Bach-Chor und Bach- Orchester dirigiert, ist die Vorfreude groß und die Magdalenen-Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Mit dem ersten ,,Jauchzet, frohlocket" wurden alle Erwartungen erfüllt: Ein hochpräsenter, fein phrasierender und artikulierender Chor war zu hören und ein federnd abgestuft spielendes Orchester samt mächtig, aber weich auftrumpfender Pauke. Wer aber jetzt geglaubt hatte, Guglhör würde diesen Drive um jeden Preis beibehalten, sah sich schon wenig später' im ersten Choral getäuscht. Denn der Dingent ließ den bemerkenswert starken und archaischen Text ,,Jesu, setze mir selbst die Fackel bei, damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei" ungemein gemessen, dabei aber zugleich ganz nach innen gewandt und höchst intensiv singen. Das sollte sich später, nicht immer ganz so zwingend, bei manch anderem dem Textgehalt gemäß gesungenen Choral wiederholen.


Langsame Tempi

Ein wenig problematisch wurden diese langsamen Tempi erst bei den Alt-Arien in der zweiten und dritten Kantate. Und das ist wohl kaum mit Rücksicht auf Anne Buter, die für die erkrankte Anna Haase eingesprungenene Altistin zu erklären. Denn die sehr getragenen Tempi machten es Orchester wie Sängerin manchmal fast unmöglich, einen Bogen zu wölben und die Spannung zu halten. Doch allem Anschein nach wollte Guglhör nach der immensen Qualitätssteigerung, die er bei Chor und Orchester erreicht hatte, die Grenzen des Möglichen ausreizen. Wo er das nicht tat, wurden wieder kleine Wunder an Klang und Gestaltung hörbar, wie beispielsweise bei der ganz duftig und bukolisch gespielten Holzbläsereinleitung vor dem Baßsolo mit Choral in der ersten Kantate oder dem feinen Gespinst, das die hohen Streicher vor allem mit den Flöten in der Sinfonia zu Beginn der zweiten Kantate woben. Und nicht zuletzt in den mächtigen Chor/Orchester-Sätzen wie zu Beginn der dritten Kantate. Da machte nicht nur das Zuhören große Freude, sondern auch beim Dirigieren zuzuschauen war ein ungetrübter Genuß. Fast fühlte man sich - mit Verlaub - an Darstellungen des tanzenden Gottes Shiva mit seinen zahlreichen Armen erinnert, wenn der Dirigent seine Zeichen so vielfältig und differenziert setzt, daß es mit den Augen kaum zu Verfolgen war. Aber auch, die Solisten hatte Guglhör erneut stilsicher und qualitätsbewußt ausgesucht. Wieder darf sein Evangelist, diesmal Andreas Post, als Entdeckung eines lyrischen, präzise singenden höhen-und koloratursicheren (nicht nur) Oratorien-Tenors gelten, war Christian Gerhaher ein sehr guter ebenso hoher wie weicher Baß, der auch im Duett mit der schön und klar artikulierenden Gerlinde Sämann überzeugte. Und Arme Buter machte mit ihrem instrumental geführten und wie schwebend dem Orchester eingebundenen Alt wahrlich nicht den Eindruck einer Einspringerin. Unter dem Strich also wieder ein hervorragendes Konzert, das Guglhör am Ende der dritten Kantante mit einem glanzvollen, erfüllt und differenziert musizierten, wahrhaft ,,frohlockenden" Chorsatz beschloß. Am 20. Dezember (16 Uhr) folgen die Kantaten Nr.4-6 in der Kirche St.Magdalena. Wieder singen und spielen der Bach-Chor und das Bach-Orchester. Die Solisten sind dann Priska Eser-Streit, Barbara Müller, Robert Wörle und Thomas Hamberger.

Klaus Kalchschmid

 

Teil 4-6: Dramatik und Innerlichkeit

Konzertkritik aus der Süddeutschen Zeitung vom 22. Dezember 1998

Teil 4-6: Dramatik und Innerlichkeit
Überzeugendes Weihnachtsoratorium mit dem Bach-Chor unter Gerd Guglhör

Fürstenfeldbruck.- Alle Jahr wieder in der Vorweihnachtszeit scheinen Kirchen und Konzertsäle aus allen Nähten zu platzen, denn Johann Sebastian Bachs ,,Weinachtsoratorium" besitzt eine geradezu magische Anziehungskraft. Dieser Umstand versetzt heute niemand mehr in.Erstaunen. Ist also die Frage, warum dieses Stück sich einer so ungebrochenen Popularität erfreut, trivial oder gar überflüssig? Offensichtlich nicht, denn in der Aufführung des Bach-Chores Fürstenfeldbruck unter Leitung von Gerd Guglhör konnte man durchaus neue Antworten darauf finden.

Guglhörs Interpretation zielte dabei anscheinend auf eine genaue, aber umso lebendigere musikalische Umsetzung des Textes. Nahezu ideal wurde dieses Konzept in den Eingangschören verwirklicht: Der Bach-Chor überzeugte hier durch seine klare Artikulation, sprachliche Ausdruckskraft und sorgfältige Phrasierung. Der große musikalische Bogen, der letztlich die dramatische Spannung dieser Sätze ausmacht, blieb auch in technisch anspruchsvollen Passagen erhalten. Bemerkenswert ist auch das ausgewogene Verhältnis der einzelnen Stimmgruppen zueinander, wodurch ein homogener Gesamtklang entsteht, den man bei Laienchören selten findet. Die Choräle wurden mit einer dem liedhaflen Charakter angemessenen Schlichtheit musiziert. Wenig spürte man hingegen von der harmonischen Raffinesse, die diese meisterhaften Sätze weit über den Rang gewöhnlicher Kirchenlieder herausheben. Ergänzt wurde die herausragendc Leistung des Chores durch ein routiniertes Ensemble von Gesangssolisten. Robert Wörle (Tenor) bot in den Rezitativen eine packend dramatische Darstellung der Weihnachtsgeschichte. Im Terzett ,,Ach, wann wird die Zeit erscheinen" überzeugte besonders Barbara Müller (Alt) mit warmem, schönen Timbre und einer beeindruckenden Interpretation des Textes (,,Schweigt, er ist schon wirklich hier!"), Priska Eser-Streit sang mit klarem, schlanken Sopran und exzellenter Intonation. Bemerkenswert gut gelang auch die heikle Echo-Arie (Echo-Sopran: Julia Schneider).

Ausgewogene Leistung

Das konzentriert und mit großer Motivation agierende Bach-Orchester bot, von den etwas indisponiert wirkenden Hörnern einmal abgesehen, eine ausgewogene Leistung. Herausragend waren hier die Geigensoli, die von Markus und Waltraud Fleck prägnant, zupackend und mit äußerster Transparenz musiziert wurden. Die Streicher erwiesen sich besonders in den Rezitativen als aufmerksame und flexible Begleiter, schienen jedoch mit den straffen Tempi in den Eingangschören gelegentlich etwas überfordert zu sein. In der Sopran-Arie ,,Nur ein Wink von seinen Händen" gelang ihnen hingegen mit schlankem, tragfähigen Klang und lockerer Phrasierung eine herausragende Leistung im Zusammenspiel mit der Solistin.

Was also war das Besondere an dieser mit viel Beifall bedachten Aufführung? Ein Geheimnis für die Popularität des Weihnachtsoratoriums liegt offensichtlich in der meisterhaften musikalischen Verarbeitung eines uns allen geläufigen Textcs, in der teils reflektierenden, aber oft auch dramatischen Darstellung einer vertrauten Geschichte. Gerd Guglhör hat mit dem Bachchor und dem Bachorchester Fürstenfeldbruck durch seine sorgfältige Arbeit am Text - und an den musikalischen Strukturen diesen Aspekt des ,,Weihnachtsoratoriums" auf bemerkenswerte Weise umgesetzt. Dass er dafür mit der Kirche St. Magdalena einen vergleichsweise kleinen Raum ausgewählt hat, dessen schöne, klare Akustik diesem Anliegen gerecht wird, verdient besondere Anerkennung.

Felix Oehme