Konzertkritik Matthäuspassion 2000

Konzertkritik aus der Süddeutschen Zeitung (Lokalteil Fürstenfeldbruck) vom 28.3.2000

Ein beglückendes Musik-Erlebnis
Die Matthäus-Passion mit dem Brucker Bach-Chor und dem Bach-Orchester unter Gerd Guglhör

F ü r s t e n f e l d b r u c k - Am Ende verbeugte er sich alleine, als plötzlich der Applaus des gesamten Chores wie ein Orkan aufrauschte und Henning Kaiser wußte gar nicht so recht, wie ihm geschah. Doch diesen ebenso heftigen wie herzlichen Applaus hatte er auch verdient, denn eine Aufführung der Bachschen Matthäus-Passion steht und fällt nicht zuletzt durch die Qualität ihres ,,Erzählers", der das gesamte Geschehen zusammenhält. Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren hat Henning Kaiser in Bruck zum ersten Mal unter Gerd Guglhör den Evangelisten der Bachschen Johannes-Passion gesungen und auf Anhieb restlos überzeugt. Auch jetzt vermochte er - diesmal in der Matthäus-Passion - Stimmklang, Ausdruck und technische Sicherheit im Laufe des Abends - bis hin zum Höhepunkt, dem Tod Jesu - sogar noch zu steigern.


Homogen und flexibel

Doch es wäre ungerecht, nicht sofort zu betonen, dass der überwältigende Eindruck der Auführung auch allen anderen Musikern und Sängern gleichermaßen zu verdanken ist: den Solisten wie dem denkbar homogen und flexibel singenden Brucker Bach-Chor, aber auch dem diesmal außerordentlich präsent und mit nie nachlassender Konzentration, Tongenauigkeit und Phrasierung spielenden Streichern des Bach-Orchesters, den teilweise zusätzlichen Bläsern und dem Continuo aus Gambe (Imke David), Laute (Christoph Eglhuber), Violoncello (Burkhard Becher) und Orgel (Hubert Huber).

Dass es zu diesem beglückenden Erlebnis kommen konnte, ist natürlich nicht zuletzt das Verdienst von Chorleiter und Dirigent Gerd Guglhör, der seine Sänger und Musiker so außerordentlich motivieren und gestisch beredt führen konnte. Wie er die Texte der Choräle samt ihrer Musikalisierung plastisch werden ließ; einmal in Dynamik und Tempo differenziert gestalten, dann wieder ganz geradlinig und schlicht singen (,,Mir hat die Welt trüglich gericht't") oder radikalen Ausdruck wagen ließ - allein das war bemerkenswert. Doch auch die großen Chor-Tableaux mit Solisten waren zugleich großräumig und durchsichtig im Detail gestaltet, dass keine Note der komplexen Bachschen Polyphonie unter den Tisch fallen konnte.

Gerade in den weitschweifigen, kommentierenden Arien war deutlich zu hören, dass das Orchester keineswegs nur begleitete, sondern mindestens eine selbständige, ausdrucksvolle Stimme beisteuerte. Auch die obligaten lnstrumentalsolisten, wie der Geiger Thomas Fleck in der zentralen, hier weniger sentimental klagenden als schmerrzvoll drängenden Alt-Arie ,,Erbarme dich, mein Gott" (um nur einen herausragenden Solisten zu nennen) trugen zum harmonischen Gesamtbild bei.

Und wie immer bei Gerd Guglhör waren die Gesangssolisten sorgfältig ausgewählt und aufeinander abgestimmt. Neben Henning Kaiser hatte der Bassist Marcus Niedermeyr als Jesus den größten und wichtigsten Part und sang ihn auch mit der richtigen Mischung aus Menschlichkeit und nobler Distanz, sonorem Klang und deutlicher Artikulation, nie mit zuviel Ge- fühl, aber auch nie zu zurückhaltend. Die Streicher-Gloriole, mit der Bach die Christus-Figur in allen Rezitativen umgeben hat, wirkte so keineswegs als Heiligenschein, sondern wie ein ganz irdisches, mildes Sonnenlicht.

Die Altistin Renate Kaschmieder sang nicht nur besagte Arie mit dem Pulsschlag eines unruhigen Herzens, sondern gestaltete auch ihre übrigen Solostücke mit schlanker und doch fülliger, ausgezeichnet geführter Stimme. Und Priska Eser-Streit war ihr mit dunkel verschattetem Sopran ein idealer Gegenpart. Thomas Gropper nahm den Baßparien alle Schwere und auch der für den erkrankten Hubert Nettinger eingesprungene Dieter Wagner kam mit den Tenorarien trotz unüberhörbarer Nervosität dank seiner klaren, wenn auch in der Höhe manchmal noch etwas engen Stimme gut zurecht. Jens-Peter Schwanhäußer aus dem Chor sang die vielen kleinen Nebenpartien (vor allem Pilatus und Petrus) mit bemerkenswerter Sicherheit.

Kaum enden wollender Applaus eines Publikums, das die Matthäus-Passion so noch kaum gehört haben dürfte.

Klaus Kalchschmid