Konzertkritik Johannespassion 2004

Unter der Leitung von Gerd Guglhör führten das Brucker Bach-Orchester und der Bach-Chor die Johannespassion am Karfreitag, 09.04.2004 im Stadtsaal von Fürstenfeld auf. Am Palmsonntag hatten die beiden Ensemble bereits einen großen Erfolg mit dem Werk von Johann Sebastian Bach in der ausverkauften Karlskirche von Wien.
Foto: Scheider
Zeitungsbild Johannespassion

Konzertkritik aus der Süddeutschen Zeitung (Lokalteil Fürstenfeldbruck) vom 13.04.2004


Eindrucksvolle Klanglichkeit und gewichtige Worte

Bach-Chor und Orchester Fürstenfeldbruck unter Gerd Guglhör interpretieren die Johannes-Passion überzeugend


Fürstenfeldbruck
Für Bachs Johannes-Passion gibt es mehrere, in Teilen differierende Fassungen. Die Frage einer ,,authentischen" Aufführung stellt sich von daher nicht, was Gerd Guglhör in seiner Interpretation, die er am Abend des Karfreitags mit Bach-Chor und Bach-Orchester Fürstenfeldbruck im ausverkauften Stadtsaal dem Publikum vorstellte, zu individuellen und in sich geschlossenen Lösungen führte.

Besonders stachen die historischen Instrumente, allen voran die Bläser, heraus: Zwei (hölzerne) Traversflöten, die Oboen und das Barock-Fagott. Ihrem weichen und obertonreichen Klang war es zuzuschreiben, dass das in den Sechzehnteln des Eingangschores symbolisierte Wehen des Heiligen Geistes seine festen Konturen verlor und erst mit dem klar auf dem Taktschwerpunkt akzentuierten Einsatz des Chores ,,Herr, unser Herrscher" in weltliche Dimensionen zurückfand.

Noch sinnenhafter erfahrbar wurde der Schmerz über den Tod Jesu wohl in der Arie ,,Zerfließe, mein Herze", als die in räumlicher Nähe zur Sopranistin Susanne Bernhard postierten Spielerinnen der Flöten und der Oboe da caccia ein fast mystisch eindringliches Netz aus wunderbar farbigen Tönen flochten.

Die eindrucksvolle Klanglichkeit in den Chören und Arien fand ihre Entsprechung in der Textauffassung der zahlreichen Choräle: Guglhör nahm das Tempo weit zurück, was den Aussagen, mehr aber noch den einzelnen Worten, großes Gewicht verlieh, doch nicht mit Pathos einherging. Dadurch kam den Chorälen weniger die Rolle eines betrachtenden Ruhepols, als vielmehr die eines aktiv kommentierenden, die Aussage intensivierenden Parts zu.

Mitten aus dem Geschehen heraus gestaltete auch der Evangelist Christian Zenker seinen Bericht, indem erhöchst präzise und doch mit Einfühlungsvermögen die teils dramatischen Inhalte vermittelte.
Eine besondere Leistung er­brachte Günter Papendell in den Bass-Arien: Höchst klangvoll, aber nie schwerfälligtraf er jede Ausdrucksnuance in großer stimmlicher Souveränität.
Solide Qualität hatten auch die anderen Solisten, Claudia Schneider (Alt) und Thomas Hamberger (Bass).

Einmal mehr bewies der aus über 120 Sängerinnen und Sängern bestehende Bach-Chor seine klangliche Flexibilität und die Fähigkeit, polyphones Stimmenge­wirr durch ein hohes Maß an Plastizität und Transparenz zum Hörgenuss werden zu lassen. Das Bach-Orchester, dass das Werk sehr sorgfältig einstudiert hatte, nahm Rücksicht, wo es erforderlich war, überzeugte aber auch in den orchesterdominierten Teilen als ein klanglich ausgewogenes Ensemble.

Leider ,,vertrocknete" der geistliche Gehalt der Johannes-Passion immer wieder in der überaus kurzen Nachhallzeit und im nüchternen Ambiente des Stadtsaales. Der akustisch wie optisch adäquate Aufführungsrahmen für ein solches Werk wird der Kirchenraum bleiben. Doch auch im profanen Stadtsaal gab es zum Schluss großen Beifall für alle Beteiligten.

Klaus Mohr